Ein öffentliches Privatissimum

Feine, kleine Auswahl zeitgenössischer Kunst und kluger Worte der vergangenen Jahre. Kunst als Kommentar und Kommentare zur Kunst.

Für Besucher, die sich das erste Mal auf dieser Seite eingefunden haben, gibt es im Beitrag „Willkommen“ Hintergrundinfos zum präsentierten Konvolut. Ihre eigenen Kommentare zu den einzelnen Werken und Anmerkungen sind übrigens gern gesehen, denn auch außerhalb typischer Social Media Plattformen ist noch Diskurs möglich. Für Interessierte gibt es auch einen Newsletter-Dienst, der zeitnah über Änderungen und Neuaufnahmen informiert.

 

Neu

Vor Kurzem in das Werkverzeichnis aufgenommen wurden:

Man sagt, die Demokratie ist die schlechteste Staatsform, mit Ausnahme aller anderen.

— Winston Churchill

Die meisten Bayerischen Abiturienten, sofern sie sich mutig mit Latein bis zu den Abschlussprüfungen befasst haben, glauben ja zu wissen, dass der Verfassungskreislauf von Cicero erfunden wurde. Man übersetzt mühselig seinen Somnium Scipionis, quält sich durch die Philosophie der De Re Publica und ist am Ende froh, dass man den Wechsel der Staatsformen begriffen hat: allesamt scheinen sie unausweichlich ins Negative abzudriften, um sodann mittels Volksaufstands oder Palastrevolution in eine nachfolgende Staatsform überführt zu werden. Auch dieses neue Konzept verkommt im Laufe der Zeit genauso, wird nochmals abgelöst von etwas Neuem und immer so weiter und weiter bis ans Ende der Menschheit.

Keine Arme, keine Kekse.

Der Wahlkampf der politischen Eitelkeiten ist in Deutschland in vollem Gange. Unfähige Newcomer beschimpfen alteingesessene Dummköpfe als unfair und übersehen dabei ihre eigenen unnötigen Peinlichkeiten. Beleidigte Egomanen tun so, als würden sie die verhasste Konkurrenz in jeder Hinsicht unterstützen und wetzen bereits ihre ersten Messer.  Durchschaubare Klugschwätzer möchten mitregieren und die amtierenden Amateure vertuschen derweil ihre offensichtliche Unfähigkeit in der weltfremden Hoffnung, dass die Menschen noch ein bisschen dümmer sind als allgemeinhin bisher angenommen und deswegen die peinliche Scharade nicht bemerken. Oder dass die Hirnleistung des umschmeichelten potenziellen Wahlvolks eine Halbwertszeit von weniger als sechzig Tagen hat und die guten Leute bis zum Tag der Tage alle unnötig verursachte Unbill Gottseidank vergessen haben.

Zu diesem zukunftsschwangeren Anlass beschäftigen wir uns daher mit Euphemismen. Der Klärung der Frage also, wie man gekonnt Scheiße schönredet. Wir befassen uns mit zeitgemäßen Begrifflichkeiten für einarmige Banditen, wie man mit Raffinesse und gezielten Tritten unter die Gürtellinie zur Vorneverteidigung übergeht, machen uns Gedanken über unschuldige Mohren und rechtschaffene Behinderte. Auch wenn beide Gruppen prinzipiell nicht die geringste Schnittmenge haben.

Gewürzt wird dies mit bescheidenen Bemerkungen zur Euphemismus-Gläubigkeit der post-post-postmodernen Gesellschaft und einem launigen Dialog aus eigener Feder. Der ist leider giftiger als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Aber in Zeiten eines aufkochenden Wahlkampfs zum Zwanzigsten Deutschen Bundestag, der zu einer Wahl zwischen Pest und Cholera zu mutieren droht, ist das nun mal so.

Raffgier und Allgemeinwohl

Es waren einmal vier entrüstete Politiker. Die hatten große Angst um ihren Ruf und damit letztlich um den Füllstand ihrer privaten Geldbeutel, und so verkündeten sie eines Tages dringenden Handlungsbedarf. Die Preise waren in den Jahren zuvor ausgeufert und die Menschen, die man üblicherweise der Kategorie „Mittelschicht“ zuordnet, stöhnten unter den Preisen und den ihnen aufgebürdeten Lasten, Sonderabgaben, Gebühren und so weiter. Das Vertrauen in das Finanzsystem und die staatlichen Institutionen war schwer gestört. Jetzt konnten nur noch radikale Maßnahmen Rettung bringen, und genau dazu waren die Vier finster entschlossen. Per Gesetz verordneten sie die Deckelung der Preise.

Als Rechtfertigung für ihre unerhörte Absicht zerrten sie wirklich wuchtige moralische Keulen aus ihrem politischen Schatzkästchen: es würde inzwischen „zügellose Raffgier“ um sich greifen, und offenbar habe sich „der Wucher breitgemacht“. Die ruchlosen Spekulanten hätten offenbar die „Achtung vor dem Allgemeinwohl“ verloren und daher müsse nun die Politik eingreifen, um der sogenannten Gerechtigkeit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen.Wer jetzt sofort schmunzelnd zu ahnen meint, diese Geschichte spiele in der deutschen Hauptstadt des frühen 21. Jahrhunderts, der irrt. Nicht etwa Unternehmen wie die „Deutsche Annington“ oder die ebenso patriotisch veranlagte „Deutsche Wohnen“ waren das Ziel dieses heiligen Zorns. Die vier moralbewussten Politiker hießen auch nicht Müller, Nägele, Scheel oder Lompscher. Es handelte sich nicht um Regierende Bürgermeister, Senatoren oder Staatssekretäre in Berlin, sondern um ausgewachsene römische Kaiser. 

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    Ist der Kreislauf der Verfassungen nach Polybios auch ein Modell für die vier Zeitalter der Menschen, wie Ovid sie beschrieben…
  • Slot Machines
    Einarmige Banditen und Apfelkerne.Ästhetik und guter Geschmack.Die Arroganz des Besserseinwollens. Einen Euphemismus (auf deutsch: Hüllwort) findet man als Stilmittel überraschend oft. Er…
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